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São Vicente

Die musikalisch-kulturelle

Nach ca. einer Stunde Flug (ab Sal) erreichte die mit ca. 40 Passagieren besetzte Maschine den Flughafen von Sao Vicente, gelegen an einer herrlichen Bucht Baia De Sao Pedro mit dem kleinen verschlafenem Fischerdorf Sao Pedro.
Vor dem kleinen Flughafengebäude standen sehr viele Taxen und die der Ausgangstüre am nächsten stehende steuerte ich an. In meinem besten portugiesisch erkundigte ich mich nach dem Preis bis Mindelo, der bei ca. 600 ECV liegen musste. Der Taxifahrer bestätigte dies und schon ging die Fahrt los. Nach kurzer Unterhaltung antwortete mir der dunkelhäutige Fahrer in perfektem Deutsch. Er sagte, er habe sogar ein Schild an’s Heckfenster angebracht mit der Aufschrift „Ich spreche Deutsch“. Das war mir nicht aufgefallen, denn sonst hätte ich sicherlich ein anderes Taxi gewählt. Im Nachhinein fand ich es dann doch bequemer, da für den nächsten Tag mit ihm eine Inseltour geplant war.

Nach kurzer Fahrt (ca. 8 km) an kahlen Berglandschaften vorbei wurde von einer Anhöhe aus der Blick auf Mindelo frei. Schon von weitem bot sich ein beeindruckendes Bild mit der halbrunden Bucht (Teil eines gewaltigen versunkenen Kraters), dem riesigen Hafen Porto Grande, einem der schönsten natürlichen Häfen der Welt, der seine Bedeutung als Welthafen allerdings verloren hat. Heute bestimmen unzählige Segelyachten das Erscheinungsbild des ehemals gut frequentierten Handelshafen. Mindelo, kulturell immer noch Metropole der Kapverden, hat inzwischen seine wirtschaftliche Bedeutung verloren.

So wechselte dieser Naturhafen im Laufe der Jahrhunderte mehrfach sein Gesicht:

Zunächst war er gefürchteter Piratenunterschlupf (18. Jahrhundert), hier waren es die Portugiesen, die mit dem Bau einer Burg den Freibeutern Einhalt geboten und die Besiedlung der bis dahin unbewohnten Insel anordneten.

Später blühte er auf zum Welthafen (Mitte 18. Jahrhundert mit Unterbrechung bis Anfang der 1950er Jahre); u.a. wurden 1952 große englische Kohlebetriebe „schwarzes Gold“ eingestellt, was zur Folge hatte, dass Tausende von Menschen arbeitslos wurden, weshalb nicht nur die verheerenden Hungersnöte (Anfang der 1940er-Jahre) die Menschen der Kapverdischen Inseln in andere Länder trieb.

Zwischen 1940 und 1970 verließen mehr als zwei Drittel, also mehr als 200.000 Menschen, ihre Heimat, um in der Ferne bessere Lebensbedingungen zu finden.
Im 2. Weltkrieg nutzen deutsche U-Boote den Hafen als Stützpunkt für Fahrten in den Atlantik und verhängten eine Blockade über den Hafen - es wurden sogar neutrale Dampfer beim Auslaufen torpediert.

Zum heutigen Zeitpunkt ist er Anlaufpunkt für Weltensegler und einige wenige Handelsschiffe.

Die Atmosphäre, wenn man sich auf eine der wenigen Bänke direkt vor den anlegenden Fischerbooten nieder lässt, ist beeindruckend. Besonders zum Wochenende hin versammeln sich am späten Nachmittag viele Menschen dort, sei es nun, um einem Job nachzugehen, wie Schuhe putzen oder einfach nur, um ein Plauderstündchen zu halten oder eine Partie Karten oder Domino zu spielen.
Von einem zum anderen Moment fühlt man sich mitten in Afrika, dann wieder findet man sich in irgendeiner brasilianischen Stadt wieder, und ein wenig Portugal sowie das übrige mediterrane Europa ist ebenfalls anwesend – die Eindrücke wechseln ständig und es herrscht ein reges Treiben, vor allem unterhalb des Wachturms, eine Kopie des Wahrzeichens Lissabons, der Torre de Belém, der 1937 direkt neben dem Fischmarkt eröffnet wurde.

Die Gebäude sind ebenfalls unterschiedlichen Ursprungs und lassen einen vergessen, wo man sich gerade befindet. Gegenüber dem Wachturm steht ein Original afrikanisches Haus, wogegen die Häuserfront an der Avenida Amilcar Cabral direkt gegenüber des Hafens unverkennbar britischer Herkunft ist, aber auch hier ist portugiesischer Baustil untergemischt.

Am Straßenrand sitzen die Frauen auf der blanken Erde und bieten die wenigen Waren feil, u.a. auch Gemüse, getrocknete Chillischoten oder aber auch gebrauchte Schuhe, die sie anzubieten haben. Man möchte am liebsten allen etwas abkaufen, weil, erwirbt man etwas bei der einen, alle anderen traurig drein schauen. Aus jeder Kneipe oder Bar ertönt unüberhörbar kapverdische Musik wie Funana, Morna oder aber auch brasilianische oder afrikanische Klänge. Mindelo ist unbedingt einen Besuch wert, um diese beeindruckende phantastische Mischung einmal live zu erleben.

Am Abend habe ich gespeist, nicht nur gegessen, und zwar im mir immer wieder empfohlenen Lokal „Chez Lucha“. Ich hatte mir Frango kreolo (kreolisches Hühnchen) auf der Speisekarte ausgesucht. Einfach köstlich! Dazu einen portugiesischen süffigen Rotwein, als Vorspeise Salat des Hauses und als Nachtisch Flan, eine Art Vanillepudding mit Karamellsoße. Zum Abschluss einen Cafésinho (Espresso), der die ganze Sache abrundet.

Nach diesem ausgiebigen exotischen Essen machte ich mich auf den Weg, um das Lokal „Archote“ ausfindig zu machen, in dem an diesem Abend eine besondere Musikgruppe aufspielen sollte. Empfohlen hatte man mir das Archote in dem kleinen Café in der Gemüsehalle, in dem ich nachmittags, nachdem ich mir die vielen Gemüsestände mit den mir oft unbekannten Sorten an Gemüse und Kräutern angeschaut hatte, ein kleines Essen eingenommen hatte. In dieser Gemüsehalle bot man mir Kräuter an, von denen ich mein ganzes Leben lang noch nie gehört hatte und die mir auch nach sorgfältiger Begutachtung, wie riechen, schmecken, zwischen den Fingern zerreiben nicht bekannter wurden. Sie sollten gegen alle möglichen Krankheiten wirken, oral eingenommen, als Badezusatz oder aber auch nur als Zaubermittel.

Nach mehrfachem Befragen von Passanten nach diesem mir empfohlenen Lokal Archote führte mich ein junges Pärchen bis vor die Eingangstüre (alleine hätte ich es niemals entdeckt). Dort war die Lifemusik bereits in vollem Gange und die allgemeine Stimmung war ausgesprochen gut. Es spielte eine Musikgruppe, die kurze Zeit zuvor im deutschen Fernsehen bei ntv gezeigt wurde, als ein Bericht über Mindelo lief.

Die dunkelhäutige Sängerin wirkte auf mich sofort, da sie auch noch barfüßig auftrat, wie Cesaria Evora in jüngern Jahren, und ich bin der Überzeugung, als diese fühlte sie sich während des Gesangs auch, denn es dauerte nur kurze Zeit und sie sang das bekannteste Lied von Cesaria, nämlich „Saudade“!

Mir fehlten die Worte und mir schossen vor Freude die Tränen in die Augen – wäre sie nicht so jung gewesen, man hätte glauben können, es wäre Cesaria persönlich gewesen. (Noch am selben Tage hatte ich das Wohnhaus von Cesaria Evora besucht. Gesehen hatte ich sie dort natürlich nicht, da sie wahrscheinlich, wie häufig seitdem sie in den letzten Jahren auch im Ausland zu Ruhm gelangte, sich auf Tournee befand). Aber diese unbekannte Sängerin brachte dieses Lied so ausgesprochen gut, dass aber auch alle, bis auf den letzen Mann, sich in dem Lokal befindlichen Leute erhoben und wie wild applaudierten und nach Zugabe verlangten, die sie, wie ich glaube, mit Freude und gerne gab. Gegen Mitternacht endete dieser musikalische Leckerbissen und auch für mich wurde es Zeit zu Bett zu gehen, zumal ich durch die Anreise bereits den ganzen Tag auf den Beinen und mich inzwischen auch ziemlich k.o. fühlte.

In Mindelo war die Nacht noch lange nicht vorbei, denn in den Diskotheken und Clubs begann sie gerade. Noch bis in die frühen Morgenstunden hörte ich im Halbschlaf von meinem Hotelzimmer aus laute aber angenehme Musik und feiernde sich freuende Menschen.

Zum Frühstück erschien ich gegen morgens 10:00 Uhr. Zunächst nahm ich an, ich wäre der letzte Gast, denn niemand war zu sehen, bis mir klar wurde, dass ich gleichzeitig der erste und letzte Gast war. Lange blieb ich nicht allein, denn der Taxifahrer, den ich telefonisch über die Abfahrtzeit zur Inselrundtour benachrichtigen wollte, leistete mir überraschender Weise Gesellschaft.

Womöglich hatte er die Befürchtung, ich würde ein x-beliebiges vor dem Hotel wartendes Taxi für diesen Zweck anheuern, und somit wäre ihm ein Riesenfisch von der Angel gegangen, denn alltäglich ist es wohl auch nicht, dass ein Tourist eine Inselrundfahrt per Taxi wünscht. Über den Preis wurden wir uns ohne große Diskussion sehr schnell einig. Ich hatte meine Vorstellung, der Taxifahrer, mit Namen Alberto, ebenfalls und unsere Vorstellungen über die Kosten lagen dicht beieinander. (ca. 7.000 ECV ).

Der erst Weg führte auf einen wunderschönen Aussichtspunkt, von dem aus man fast rund über die Insel schauen konnte. Er befindet sich dort, wo die Portugiesen vor vielen Jahren die Burg gebaut haben, um die Piraten zu bekämpfen. Von dort kann man die Nachbarinsel Santo Antao sehr gut erkennen, die geschützte Vogelinsel liegt direkt vor einem und der Ausblick auf Mindelo mit dem Naturhafen ist einmalig. Als wir dort verweilten machte mich Senhor Alberto auf den Bergrücken mit dem „schlafenden Mann“ Monte Cara (Berggesicht) aufmerksam, den ich bis dahin nicht entdeckt hatte. Er liegt im Rücken des Hafens und ist der Rest des versunkenen Kraters. Bei näherem Hinsehen stellten sich trotz enormer Wärme die Haare auf meinen Armen zu Berge und ein kleiner Schauer lief mir den Rücken herunter. Dieses Bergmassiv vor mir zeigte bei näherer Betrachtung tatsächlich einen schlafenden Mann, alles deutlich erkennbar, vom Kopf über Nase, Kinn, gefaltete Hände bis hin zu den Füßen.

Senhor Alberto erklärte mir, dass man Ausländern, je nach Nationalität erzählt, um welche Persönlichkeit es sich jeweils hierbei handelt. So wird einem Deutschen gesagt, es sei Mozart, einem Amerikaner, es sei George Washington, einem Franzosen, es sei Napoleon usw.

Weiter ging die Fahrt Richtung Monte Verde (grüner Berg), der sich mit seinen 774 Metern auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens erhebt. Man kann kaum glauben, befindet man sich unmittelbar zu Füßen des Berges, dass der Gipfel per Kraftwagen zu erreichen ist. Es führt jedoch eine gut ausgebaute Straße mit vielen Haarnadelkurven tatsächlich hinauf bis auf den höchsten Punkt. Bei der Auffahrt passiert man eine Kurve, die zu keiner Tageszeit der Sonne Einlass gewährt, da die Straße tief in die inzwischen mit Moos bewachsenen Felsen gehauen wurde. Sr. Alberto forderte mich auf, die Hand zum Autofenster hinauszustrecken, um zu erfühlen, dass es sich um den so genannten „Eisschrank-Platz“ oder die „Kühlschrank-Stelle“ handelte, was ich nur zu gut bestätigen konnte, denn seit Urlaubsbeginn hatte ich derartige europäische Kälte nicht mehr empfunden.

Oben angekommen schlug der Ausblick fast alle Rekorde. Außer Mindelo im Kleinformat mit traumhafter Hafenbucht, umgeben von kahlen Bergmassiven (der Ausblick erinnerte mich an Rio de Janeiro vom Zuckerhut aus gesehen) konnte man außerdem die drei unbewohnten Inseln, Santa Luzia, Branco und Razo gut ausmachen. Die Nachbarinsel Santo Antao war zum Greifen nahe. Wäre nicht ein so kühler Wind dort oben auf dem Hochplateau gewesen, ich hätte Stunden an diesem Platz mit diesem einmaligen Panorama verweilen können.

Aber laut Sr. Alberto gab es ja auch noch andere Sehenswürdigkeiten auf seiner Insel. Als nächstes Ziel wählte er die Katzenbucht „Baia das Gatas“. Der Weg dorthin führte vorbei an Kahlbergen, Steinwüsten aber auch an Bergformationen, die an Arizona erinnern, mit ihren abgeschliffenen Bergspitzen. Der helle Wüstensand wurde vom Wind im Laufe der Zeit mit so großer Kraft gegen die dunklen Berge geblasen, dass er, wie Wellen aussehend, weit nach oben reicht. Es macht ein seltsames Bild, das blaue Meer, die weiße Brandung, dann wieder etwas Land und eine erneute Brandung, allerdings aus Sand am Fuße der Berge.

In der einzigen Bar am bekanntesten Strand von Sao Vicente legten wir eine Pause ein, um eine kleine Mahlzeit zu uns zu nehmen. Eine Speisekarte gab es, wie so oft nicht, aber man hatte wie überall frischen Fisch, Meeresfrüchte oder man höre und staune Sandwich. Das hier Sandwich bekannt waren, liegt sicher daran, dass einmal im Jahr, im Monat August, ein großes Musikfestival stattfindet, bei dem viele bekannte kapverdische Künstler auftreten, wovon die meisten im Ausland leben, und zu diesem Zwecke dann aus aller Herren Länder angereist kommen, um heimischem Publikum ihren neueste Musik zu präsentieren. Wir ich hörte, muss es ein Riesenspektakel sein, und Flüge nach Sao Vicente sollen schon Monate im Voraus ausgebucht sein.

In dieser Bar lernten wir auch einen Deutschen kennen, der sich hier niedergelassen hatte. Der Grund war, wie er uns berichtete, dass er an einen Kampfhund gekommen sei, der unberechenbar und bissig wäre. In Deutschland könne er sich weder bewegen noch hätte er der neuen Auflagen wegen eine Chance und hier seien die Strände halt endlos und menschenleer und seine Therapie mit dem gefährlichen Tier mache von Tag zu Tag Fortschritte. Er sei bereits mehrfach verletzt gewesen, da der Hund auch ihn angegriffen hätte aber er würde es schon schaffen, aus dieser Bestie ein normales Tier zu machen. Es wäre jetzt sein Hund, und er würde ihn sehr lieben.
Demnach führen auch andere Gründe als „nur Urlaub machen“ so manchen Europäer in abgelegene Gebiete.

Von Baia das Gatas aus fuhren wir nach Calhau, einem kleinen Fischerort, der von dunklen Felswänden umringt an einer herb romantischen Bucht liegt. Hier wurde ich wieder daran erinnert, dass ich mich abseits von jeglichem Trubel an einem abgeschiedenen Ort jenseits von Hektik, Stress, Straßenlärm oder sonstigen unangenehmen Begleiterscheinungen der zivilisierten Welt befand. Dies spiegelte sich auch in den Gesichtern der Bewohner wieder, die, nichts anderes als ihre kleine Welt gewohnt, eine Ruhe und Zufriedenheit ausstrahlten, dass man sehr traurig wurde, wenn man sich vor Augen hielt, dass der Termin der Rückreise bereits feststand. Aber noch blieben mir ein paar Tage Zeit, die ich auf den so geliebten Kapverden verbringen durfte.

Dieser Tag jedenfalls war ein wahres Erlebnis und mir war klar, ich würde wieder hierher zurückkehren. Die Rückfahrt zum Flughafen verlief ziemlich ruhig. Ich hatte kein Bedürfnis zur Unterhaltung, da ich traurig war, die Insel verlassen zu müssen. Zwar flog ich ja nicht sofort nach Deutschland, sondern hatte noch einige Tage, die ich auf Sal verbringen konnte, aber irgendwie war mir nach Abschiedsstimmung, die nie lustig ist. Am kleinen Flughafen mit Blick auf Sao Pedro ließ ich die Zeit hier nochmals Revue passieren. Eines war mir klar, der Aufenthalt hier war wie so oft und überall, wenn es einem gut gefällt, viel zu kurz.

Ob es den vielen Menschen, die hier auf ihre Maschine warteten ebenso erging wir mir? Auch sie wollten oder mussten irgendwohin und waren ja irgendwoher gekommen. Sicher verließen viele sogar ihre Heimat auf unbestimmte Zeit. Ich befand mich doch nur auf der Durchreise und doch befiel mich große Traurigkeit.

Auf Sal angekommen erwarteten mich nur noch 1 Woche kapverdischen Lebens, die ich jeden Tag auf’s neue genießend dort verbrachte.

Diesen und auch einige vorhergehende Berichte habe ich, der Einfachheit halber, in der Ich-Form geschrieben. Habe dies natürlich alles zusammen mit meinem Mann erlebt.